Stefan Canham hat drei Jahre lang Bauwagenplätze in ganz Deutschland fotografiert, Innenräume, Außenansichten sowie architektonische Details und damit eine erste visuelle Bestandsaufnahme der Wohn- und Lebensform Bauwagen geschaffen. Bauwagen sind Teil eines urbanen und auch architektonischen Phänomens, das sich seit den achtziger Jahren in vielen Städten und Gemeinden ausbreitete: Die Nutzung und Besetzung oft zentral gelegener und potentiell wertvoller Stadtbrachen mit Bauwagen, Zirkuswagen, LKWs und Bussen, und der kostengünstigen Befriedigung des Grundbedürfnisses Wohnen in kollektiver Selbstorganisation. Inzwischen gibt es in Deutschland an die hundert Wagenburgen mit einem Vielfachen an BewohnerInnen. Oftmals handelt es sich um prekäre und umkämpfte Räume aufgrund städtischer Verwertungsinteressen an den Standorten einerseits als auch aufgrund stigmatisierender und kriminalisierender medialer Diskurse nicht selten mit der Folge einer aggressiven Vertreibung. Dabei könnte die Wohnform Bauwagen durchaus als modellhaft bezeichnet werden, als eine bedürfnisorientierte, selbstbestimmte, ressourcensparende gemeinschaftliche Praxis. Die Bauweise folgt dem Prinzip einer Architektur ohne Architekten, die entsprechend der Bedürfnisse ihrer Nutzer von Innen nach Außen wächst, und sich in den umliegenden gemeinschaftlichen Raum ausdehnt. Die verschiedenen Formen des Innenausbaus erweisen sich entgegen landläufiger Unterstellungen als extrem heterogen und komplex, vom traditionellen Punk-Hippie-Style bis hin zu minimalistisch-konzeptionellem Design, einheitlich ist hier nur eine relativ hohe Dichte an wiederverwerteten Materialien. (KR)
Katja Reichard

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